Strategien für ein unaufmerksames Publikum

Möglichst laut sein ist eine Strategie, um im allgegenwärtigen Informationsüberfluss auf sich aufmerksam zu machen. Doch aufdringliche Werbung kann nerven. Wer mit leisen Tönen Erfolg haben will, muss genau wissen, an wen er sich wendet. Lernen Sie Ihre Kundschaft und deren Bedürfnisse kennen, sprechen Sie sie verständlich und direkt an und verhalten Sie sich wie ein guter Freund.

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Geringe Aufmerksamkeit online

Auf der Leseliste meiner Ausbildung zum Marketing Writer stand unter anderem Funktionelle Werbung von R.H. Gärtner. Darin vergleicht der Autor die Informationsüberflutung in der heutigen digitalen Welt mit einer Cocktailparty, wo das bereits anwesende Partyvolk den Gast noch auf der Türschwelle mit lautem Hallo begrüsst und umarmt, bevor er auch nur den Mantel ablegen kann. Das ist aufdringlich und unangenehm.

Laut oder leise werben?

Gärtner plädiert für eine neue Ära. Werben müsse unsichtbar, leise, unaufdringlich und freundschaftlich geschehen. Unternehmen und ihre Produkte sollen Probleme lösen und einen Mehrwert bieten, nicht mehr und nicht weniger.

Ich muss zugeben, der Gedanke ist mir sympathisch. Ihnen sicher auch. Sind wir doch alle einmal der Gast und ein anderes Mal das aufdringliche Partyvolk. Allerdings habe ich – als eher introvertierter Mensch – genug Zeit unsichtbar auf Partys verbracht, um zu wissen, dass man leise und unaufdringlich niemanden kennenlernt.

In der Informationsflut nicht untergehen

Gärtners Buch ist 2014 erschienen, seither ist die Informationsflut noch markant gestiegen. Schweizerinnen und Schweizer verbrachten 2019 durchschnittlich 5 Stunden und 27 Minuten pro Tag im Internet, 1 Stunde und 18 Minuten davon mit sozialen Medien. (Globalwebindex)

Das scheint zuerst einmal viel zu sein, doch angesichts der Menge an online verfügbaren Inhalten sehen durchschnittliche Nutzerinnen und Nutzer nicht einmal die Spitze des Eisberges. So wurden 2018 auf Youtube 500 Stunden Videomaterial pro Minute hochgeladen. (Omnicore)

Die grosse Flut

Auf sozialen Medien werden täglich Milliarden Inhalte hochgeladen, geteilt und kommentiert

Alleine die vier grossen sozialen Medien Twitter, Youtube, Facebook und Instagram veröffentlichen täglich Milliarden von einzelnen Postings

Quelle: Freepik, Omnicore

Die schiere Menge an Inhalten macht klar, dass sich bemerkbar machen muss, wer nicht untergehen will. Und dennoch, die Kundschaft zu nerven ist eine Todsünde.

Was also tun?

Grosse Unternehmen und bekannte Marken haben es einfach. Mit einem grossen Budget erzeugen sie genug Druck, dass die Botschaft und das Produkt in vielen – auch widerwilligen – Köpfen hängen bleibt. Allen anderen bleibt nicht viel mehr übrig, als sich intensiv mit ihrer Zielgruppe auseinanderzusetzen.

Lernen Sie Ihre Kundschaft kennen

Die Interessen und Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden müssen im Zentrum stehen. Wie wollen sie angesprochen werden, was interessiert sie, welche Probleme muss ein Produkt lösen?

Es lohnt sich, mehrere Kundensegmente zu bilden und diese möglichst spezifisch anzusprechen. Hier kommen Sie nicht darum herum, aufdringlich zu sein. Doch wenigstens trifft es die Richtigen, die Ihr Produkt brauchen können. Dennoch dürfen Sie nicht vergessen, dass rundherum eine rauschende Party läuft und der Gast sich leicht ablenken lässt.

Keine Zeit vergeuden

Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt stetig ab. Das ist zwar nicht erst seit Aufkommen des Internets so, aber online entscheiden Sekundenbruchteile darüber, ob das Auge hängen bleibt. Es bleibt wenig Zeit, etwas zu sagen, deshalb muss es relevant und leicht verständlich sein. Und dabei nicht vergessen – Bilder werden schneller verstanden als Texte.

Freundschaft schliessen

Wir bewegen uns in einer Welt mit unendlich vielen Optionen und Angeboten. Den Unterschied machen persönliche Beziehungen aus. Gerade in sozialen Medien bieten sich viele Möglichkeiten zum Austausch an. Es ist aufwendig, sich um die Gunst des Publikums zu bemühen, doch es lohnt sich. Haben Sie eine Beziehung aufgebaut, kehrt der Gast auch freiwillig zurück.

Schliesslich ist in Gärtners Worten der «Problemlöser, der im Hintergrund bleibt, aber da ist, wenn man ihn braucht, einer der letzten wirklich begehrten Freunde unserer Zeit.»

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